Museumsgespräche

Unter neuer Leitung beschreitet das Museum für Völkerkunde Hamburg neue Wege: Wir arbeiten an einer aktuellen Programmatik für das Museum, mit der wir die hauseigenen Sammlungen unter Einbezug gegenwärtiger und kritischer Fragestellungen in den Fokus rücken wollen, die Dauerausstellung als zentrales Projekt neu konzipieren werden und unser Veranstaltungs- und Vermittlungsformate überdenken. Diese Planungen werden von der Reihe Museumsgespräche begleitet:

Wir laden Vortragende und GesprächspartnerInnen ein, um über rezente Neupositionierungen in der Weltkulturen- und ethnographischen Museumslandschaft zu berichten, zukunftsweisende Ausstellungsprojekte oder signifikante Diskurse wie auch Arbeitsformate in unserem Museumsumfeld vorzustellen. Mit dieser Reihe wollen wir unser Publikum anregen, an unseren Gedankengängen im Rahmen der Neukonzeption teilzuhaben und mit uns über die Zukunft unseres Museums zu diskutieren.

Do 31. Mai |18 Uhr
Institutionelle Gastfreundschaft und Unhöfliche Gäste: Zeitgenössische Kunst in ethnologischen Sammlungen
Englischsprachige Diskussionsrunde mit Vitjitua Ndjiharine, Nicola Brandt, Nashilongweshipwe Mushaandja (Visual History of the Colonial Genocide, Universität Hamburg). Moderation: Ulrike Peters (Forschungsstelle Hamburgs (Post)koloniales Erbe, Universität Hamburg) und Catharina Winzer (Museum für Völkerkunde Hamburg)
„Obwohl Museen heute verzweifelt versuchen sich von ihrer essentialisierenden Vergangenheit zu distanzieren, können sie ihrer historischen Bürde nicht entkommen.“ (Mirjam Shatanawi)

In den letzten 20 Jahren gab es einen Anstieg von zeitgenössischen Kunstprojekten, die in kulturanthropologischen Sammlungen stattfanden. Auf Einladung hin artikulieren Künstlerinnen und Künstler verschiedene Formen institutionskritischer Ansätze für Museen. Sie werden eingeladen, um Sammlungsbestände neu zu interpretieren, Ausstellungspraktiken zu hinterfragen und überführen innovative Ansätze und diverse Stimmen in den Ausstellungsraum. Diese Kunstprojekte fungieren oft in einem interessanten Spannungsfeld zwischen einer institutionellen Gastfreundschaft und einer erwarteten Feindseligkeit: Künstler_innen werden angehalten eine Institution von innen heraus zu kritisieren. Metaphorisch gesprochen, Gäste werden zum Abendessen eingeladen, um das Gericht des Gastgebers zu kritisieren und in manchen Fällen sogar die kulturelle Praktik des Kochens als solche in Frage zu stellen. Während den Museumsgesprächen am 31. Mai 2018 wollen wir diese Spannung aufgreifen und mit drei Künstler_innen ins Gespräch kommen, die gerade am Museum für Völkerkunde Hamburg an verschiedenen Projekten arbeiten: Vitjitua Ndjiharine, Nicola Brandt und Nashilongweshipwe Mushaandja von der transregionalen Forschungsgruppe „Visual History of the Colonial Genocide“ (Universität Hamburg) geben uns einen ersten Einblick in ihre Projekte am Museum und debattieren mit uns, was es heißt als Künstler_innen in einer umstrittenen Institution wie dem Museum für Völkerkunde zu arbeiten. Was sind die Grenzen für institutionskritische Kunstprojekte in kulturanthropologischen Museen, die zum einen mithelfen tradierte, koloniale Machtstrukturen und Logiken aufzudecken und gleichsam als Quelle zusätzlicher Fördergelder, als Imagepflege und als eine Performance institutioneller Offenheit fungieren?

In Zusammenarbeit mit der Forschungstelle Hamburgs (Post)koloniales Erbe, gefördert von der Gerda Henkel Stiftung

Museumseintritt, frei für Studierende

In dieser Reihe fand bislang statt:

Do 26. April | 19 Uhr
Museologie von innen
Vortrag in englischer Sprache von Dr. Lotten Gustafsson Reinius, Nordiska Museum (Stockholm) , Gastprofessorin Universität Stockholm und ehemalige Direktorin des Ethnographischen Museums Stockholm


Dr. L. Gustafsson Reinius, Foto: Peter Segermark, Nordiska museet

Postkoloniales Denken und die sogenannte Krise der Repräsentation haben Einzug in die Praxis ethnografischer Museen gehalten. Ihr koloniales Erbe, das in der musealen Wissensproduktion und Ideologie bis heute fortwirkt, wird kritisch debattiert. Wie kann aus einem solchen Ort, der auf soziale und materielle Beständigkeit ausgerichtet ist, ein Ort werden, an dem sich Beziehungen und Verhältnisse ändern? Und ist es möglich, nicht nur über, sondern durch und gemeinsam mit Museen nachzudenken?
Lotten Gustafsson Reinius, ehemalige Direktorin des Ethnografischen Museums in Stockholm, war die erste Kuratorin für Globalisierung am Haus. Im Museumsgespräch erörtert sie anhand von Beispielen die Relevanz einer praktischen „Museologie von innen“. Ein solcher praxisbezogener Ansatz unterstützt kritische Nähe statt kritischer Distanz. Er realisiert sich durch den beständigen Dialog zwischen Stakeholder und Besucher_innen und verwandelt die kuratorische Arbeit zuweilen in eine Art autoethnografische Feldarbeit. Die Erkundung von Zwischenräumen und Brüchen – beispielsweise in einer Missions-Sammlung – oder die Hybridität wirkmächtiger Objekte und Archivmedien ermöglichen Einstiege in die Kulturanalyse ebenso wie in Dekolonisierungsprozesse. Die zeremonielle Rückkehr menschlicher Überreste, von Schweden bis nach Australien, ist mithin potentielle Koproduktion eines interkulturellen Rituals, das Mitarbeiter, Delegierte und Publikum gleichermaßen involviert. Kuratierende werden zu Forschenden und greifen bei dem Versuch, mit historischen Defiziten ethnografischer Methoden umzugehen, paradoxerweise auf das Erbe der Disziplin zurück: auf methodische Partizipation und interkulturellen Dialog.

Museumseintritt, frei für Studierende

Do 19. April | 18 Uhr
Museen als Orte für Kinder und Familien
Vortrag von Dr. Claudia Haas, Museumsberaterin und Gründungsdirektorin des Zoom Kindermuseums in Wien
Museen geraten durch Reduktion öffentlicher Förderungen immer mehr unter Druck. Ihr Erfolg wird nicht mehr allein an Erforschung, Pflege und Erhalt der Sammlungen gemessen, sondern zunehmend anhand steigender Besuchszahlen und der Bereitschaft die Türen einem diversifizierten Publikum zu öffnen.
Damit gerieten bisher vernachlässigte Zielgruppen wie Kinder und Familien in den Fokus des Interesses von Museen. Allerdings reicht es nicht für sie einfach die Tore zu öffnen, Familienkarten anzubieten, Wickeltische zu installieren – es braucht mehr. Nämliche spannende Programme, Ausstellungen, die Kinder und Begleitpersonen gleichermaßen faszinieren und sie miteinander ins „Spiel bringen“, so dass Momente des Lernens, Staunens, der Freude und Faszinationen entstehen können. Zudem bedarf es eines Bekenntnisses ALLER MuseumsmitarbeiterInnen dieses Publikum erreichen zu wollen und sie nicht als störend zu empfinden.
Der Vortrag gibt einen Überblick über die Entwicklung von Kinderprogrammen in Museen und zeigt anhand erfolgreicher Beispiele von Kindermuseen, Ausstellungen und Programmen – vor allem in ethnologischen Museen – was es braucht Museen als Ort für Kinder und Familien zu gestalten. Im Anschluss findet ein Gespräch mit Dr. Claudia Haas und Dr. Julia Dombrowski, Museum für Völkerkunde Hamburg, statt.

Museumseintritt, frei für Studierende


Du und Ich, Dort und Da. Eine Ausstellung über Flucht, Ankunft und Zusammenleben für Kinder von 6 bis 12 Jahren, derzeit im ZOOM Kindermuseum
Kuratierung: E. Menasse, Claudia Haas, Thomas Marschall. Foto: Nora Haas

Mi 17. Januar | 18 Uhr
Ein abgeschlossenes Kapitel: Herkunftsgesellschaften, religiöse Objekte und Museen
Vortrag (englischsprachig) von Prof. Dr. Kavita Singh, Jawaharlal Nehru University/ New Delhi (Indien)

Seit drei Dekaden befinden sich Museen in Selbstreflektionsprozessen: Sie begannen, die Geschichten von Macht und Privilegien zu untersuchen, die ihnen den Aufbau ihrer Sammlungen ermöglichten. Derartige Fragestellungen sind insbesondere relevant und kompliziert, wenn es um heilige Objekte geht, die säkularisiert als Artefakte ausgestellt werden und sogenannte „source communities“ ihre Stimmen dagegen erheben. Kavita Singh diskutiert Lösungswege und Komplikationen anhand von Beispielen kleinerer Gruppen wie australischen Aborigines, aber auch anhand von Mehrheiten, die in den aufgesplitterten Identitätspolitiken Indiens agieren.

Eintritt: nur Museumseintritt, frei für Studierende

Di 12. September 2017 | 18 Uhr
Ethnographic Museums Now!
Prof. Dr. Wayne Modest, Leiter Research Center for Material Culture, Niederlande
Over the last few decades, ethnographic museums have received significant critique from diverse stakeholders, from originating communities and scholars to diverse publics. These critical voices have questioned the museums complicity in Europe’s colonial project; their representational practices and collecting histories; indeed their existents. In response, ethnographic museums have been tried to develop new models for practices, collaboratively through European networking projects such as SWICH (Sharing a World of Innovation, Creativity and Heritage) and RIME, or together with stakeholders from diverse originating communities. In this presentation, Wayne Modest wants to focus on the recently establish National Museum of World Cultures, in the Netherlands, created out of the merger of the Tropenmuseum, Museum Volkenkunde, and the Africa museum. Through these museums, he will trace some of the responses of ethnographic museums to these recent challenges. Wayne Modest will sketch out a more hopeful view for these museums, suggesting that far from obsolete or intransigent, ethnographic museums have been both responsive and innovative. Moreover that they might be more urgent today than ever.

Im Anschluss: Gespräch mit Prof. Dr. Barbara Plankensteiner, Direktorin Museum für Völkerkunde Hamburg
Die Veranstaltung findet in englischer Sprache statt.
Eintritt: nur Museumseintritt

Di 10. Oktober | 18 Uhr
Das Humboldt Forum im neuen Berliner Schloss. Chancen, Potentiale und Herausforderungen eines neuartigen Ortes für den Dialog der Kulturen
Vortrag von Prof. Dr. Hermann Parzinger, Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz
Das in der Mitte Berlins entstehende Humboldt Forum gilt als das derzeit größte Kulturprojekt Deutschlands. Im teilweise wieder aufgebauten Berliner Schloss soll mit dem Humboldt Forum ein neuartiges Kunst- und Kulturerfahrungszentrum entstehen, das sich mit der Kultur und Geschichte Afrikas, Asiens, Australiens, Ozeaniens und Amerikas befasst. Zusammen mit der benachbarten Museumsinsel mit ihren herausragenden Sammlungen zur Kunst und Kultur Europas und des Nahen Ostens entsteht hier – Museumsinsel und Humboldt Forum als Einheit denkend – ein besonderer Ort der Begegnung mit den Kulturen der Welt. Der Vortrag befasst sich mit Aufbau und innerer Dramaturgie des Humboldt Forums, mit dem Zusammenspiel der verschiedenen Institutionen an diesem Ort und mit der Präsentation der außereuropäischen Sammlungen der Staatlichen Museen der Stiftung Preußischer Kulturbesitz.
Im Anschluss: Gespräch mit Prof. Dr. Barbara Plankensteiner, Direktorin Museum für Völkerkunde Hamburg

Eine Veranstaltung des Freundeskreis Hamburg im Förderverein Berliner Schloss e.V. in Kooperation mit dem Museum für Völkerkunde Hamburg

Nur Museumseintritt

Unter den Linden
Unter den Linden. © Stiftung Humboldt Forum im Berliner Schloss / Architekt: Franco Stella

Do 30. November | 18 Uhr
„Kanak. L’art est une parole“: Erfahrungen einer kulturübergreifenden und von Zusammenarbeit geprägten Ausstellung
Vortrag in englischer Sprache von Dr. Emmanuel Kasarhérou, Musée du Quai Branly – Jacques Chirac
Die Ausstellung „Kanak. L’art est une parole“ (Kanak. Kunst ist eine Stimme) wurde von Oktober 2013 bis Februar 2014 im Musée du quai Branly-Jacques Chirac in Paris gezeigt sowie von Mai bis Juli 2014 in Noumea (Neukaledonien). Das Projekt war als eine explizit transkulturelle Überführung konzipiert mit dem Ziel, die seit zwei Jahrhunderten gesammelten und hauptsächlich in europäischen Museen verstreuten Objekte, die von den Kanak geschaffen wurden, wieder zusammenzuführen. Der Schwerpunkt der Ausstellung liegt auf dem Reichtum des „Parole“ (des Wortes, der Stimme) in der Vorstellung und der Kunst der Kanak, welche kosmologische, soziale und wirtschaftliche Ordnungen schafft und nachempfindet.
Im Anschluss findet ein Gespräch mit Prof. Dr. Barbara Plankensteiner, Direktorin des Museum für Völkerkunde Hamburg, statt.

Nur Museumseintritt

Di 12. Dezember | 18 Uhr
Die Basler Programmatik
Vortrag von Dr. Anna Schmid, Direktorin Museum der Kulturen Basel (MKB)
Mit seiner Neupositionierung wandte sich das MKB von regionalen Ausstel lungen ab und richtet sich nach den Themen Zugehörigkeit, Handlungsfähigkeit, Raum, Wissen und Inszenierung aus. Direktorin Anna Schmid berichtet über den dahinterstehenden Prozess und das Museumskonzept. Im Anschluss findet ein Gespräch mit Prof. Dr. Barbara Plankensteiner, Direktorin Museum
für Völkerkunde Hamburg, statt.

Nur Museumseintritt