Seit Februar 2017
HINTER DEN KULISSEN
Das geheime Leben der Museumsobjekte

Normalerweise erblicken Museumsobjekte das Licht der Öffentlichkeit im Rahmen von Ausstellungen. Doch was passiert eigentlich, wenn Ausstellungen schließen und sich die Objekte wieder in den Alltag eines Sammlungsstücks fügen? Wie gestaltet sich die Lagerung und welche Maßnahmen sind erforderlich, damit die Objekte der Museumssammlungen einer ihrer Hauptaufgaben gerecht werden können: dem Zahn der Zeit möglichst lange zu trotzen?

Jedes Objekt hat seine eigenen Bedürfnisse, um dem Alterungsprozess möglichst lange zu widerstehen. Auch die Gefahren, denen es in seiner Laufbahn als Sammlungsstück ausgesetzt ist, variieren nach Materialart, Größe und ursprünglicher Funktion. Von Bruch bis Mottenfraß gibt es ein breites Spektrum an Schadbildern, die die Lebensdauer der Objekte und ihr Erscheinungsbild erheblich beeinträchtigen können.

Somit stellen sich hinter den Kulissen beim Umgang mit den Objekten viele Fragen, die bei der Planung der konservatorischen und restauratorischen Maßnahmen eine Rolle spielen. Wie kann das Objekt in seiner Originalsubstanz erhalten werden? Welchen Zustand gilt es letztlich zu bewahren, bzw. wiederherzustellen, was ist authentisch und angemessen?

Diesen und anderen Aspekten der Arbeit mit den Museumsobjekten widmet sich im ersten Halbjahr 2017 eine Reihe von Veranstaltungen, die auf unterschiedliche Weise Einblicke in das Geschehen hinter den Schauflächen des Museums ermöglicht.

VERANSTALTUNGEN "HINTER DEN KULISSEN"

DDarmhautparka aus Alaska. © Museum für Völkerkunde Hamburg. Foto: P. Schimweg
Darmhautparka aus Alaska. © Museum für Völkerkunde Hamburg. Foto: P. Schimweg

Do 5. Oktober | 18 Uhr
Sensible Stars vor der Kamera: Von 3D zu 2D
Vortrag von Paul Schimweg

Museumsobjekte haben ihren großen Auftritt nicht nur in Ausstellungen. Abbildungen von ihnen werden in sehr unterschiedlichen Zusammenhängen benötigt: als Pressebilder, zur Bewerbung der Ausstellung auf Plakaten, für einen Katalog oder im Bereich der Objektverwaltung und Dokumentation. Immer gilt es hierfür die Objekte richtig in Szene zu setzen – sie ins rechte Licht zu rücken. Doch was bedeutet dies in den unterschiedlichen Zusammenhängen?

Nur Museumseintritt

VERANSTALTUNGEN, DIE IN DIESER REIHE BEREITS STATTFANDEN:

Do 29. Juni | 18 Uhr
Rollbild „Schlacht von Qurman“
Die Restauratorin Wiebke Hattendorf und Jana Reimer, Leiterin Orient-Abteilung erläutern den restauratorischen Blick auf ein monumentales chinesisches Rollbild, inklusive erster Zustandsanalyse sowie historischer Einordnung von Objekt und Inhalt.

Schlacht von Qurman
Schlacht von Qurman. © Museum für Völkerkunde Hamburg. Foto A. Bosselmann

Do 27. Juli | 18 Uhr
Hinter den Kulissen: Restaurierungen am Haus Rauru
Ein Praktikumsbericht von Chiara Haake
Rauru ist der Name des Versammlungshauses der Maori, das im Museum steht. Die ehemalige Praktikantin Chiara Haake (Abteilung Konservierung) berichtet über ihre Restaurierungsarbeit zur Ergänzung der Paua-Schalen an der Frontgiebelseite. Die Perlmuttschalen der Seeohren (Haliotis), in Neuseeland „Paua“ genannt, sind typische Gestaltungselemente bei vielen Schnitzarbeiten der Maori.

Weitere Termine zu den Themen Objektfotografie und Restaurierungsdokumentation am Beispiel des Hauses Rauru/Neuseeland sind in Folge geplant.

Änderungen vorbehalten

Kosten: Alle Veranstaltungen nur Museumseintritt

Do 16. Februar | 18.30 Uhr
Gegen die Zeit – Gedanken zu Museen und Restaurierung
Im heutigen Vortrag reflektiert unser Musikethologe und Musikinstrumentenrestaurator Norbert Beyer seine lebenslangen Erfahrungen in und mit verschiedensten Museen. Die Aufgaben des Sammelns, Bewahrens und Vermittelns werden als zeitgebundene Vorgänge im Zusammenhang untersucht. Zur Illustration werden dabei Geschichten und Begebenheiten aus dem Museumsalltag dargestellt. Unsere Berater aus den Herkunftskulturen der Museumsobjekte treten als Kronzeugen möglicher veränderter Museumsarbeit auf.
Die herkömmliche Museumspraxis hat oft unerfreuliche Folgen für Mensch und Material, für Museumsobjekte und Mitarbeiter. Abschließend wirft Dr. Beyer die Frage auf, ob es wirklich möglich ist, sich dauerhaft gegen den Strom der Zeit zu stemmen.

Do 30. März| 18 Uhr
EisZeiten: Ein Darmhautparka der Inuit aus Alaska
Gespräch über die Restaurierung eines Hightech-Kleidungsstücks mit Wiebke Hattendorf
In der aktuellen Ausstellung „EisZeiten. Die Menschen des Nordlichts“ zeigt das Museum für Völkerkunde Hamburg einen Darmhautparka aus Alaska. Die Parkas der nördlichen Polarvölker waren Vorbild für unsere heute so alltäglichen und weit verbreiteten Parkas. Für die damalige Zeit sind sie ein Hightech-Produkt, und in ihrer Funktion vergleichbar mit heutigen Gore-Tex-Jacken. Darmhautparkas wiegen nur 80 -120 g, sind zusammenfaltbar, atmungsaktiv und regendicht. Benutzt wurden sie als Schutz vor Nässe bei Kajakfahrten und auf der Jagd, sie werden aber auch bis heute bei festlichen Gelegenheiten getragen.
Der ausgestellte Parka gelangte schon 1937 ins Museum für Völkerkunde und wurde jetzt für die Ausstellung restauriert. Die beiden Restauratorinnen erklären Herstellungstechniken und verarbeitete Materialien des Parkas und berichten von den Herausforderungen, welche die Restaurierung mit sich brachte.

Di 4. April | 17 Uhr
Gütige Ahnen oder gefährliche Monsterwesen?
Führung und Gespräch zur Restaurierung und Objektgeschichte eines großen Figurenpaares der Baining aus Neubritannien, Papua-Neuguinea mit Dr. Jeanette Kokott, Leiterin der Ozeanien-Abteilung und Gertrude Blasum, Restauratorin
Die unter der Bezeichnung hareicha oder hareiga-Masken bekannt gewordenen großen Figuren aus Rindenbaststoff zählen zu den eindrucksvollsten Großobjekten, die von der Hamburger Südsee-Expedition 1908/1909 in Neubritannien gesammelt worden waren. Die Restauratorin Gertrude Blasum führt zusammen mit Dr. Jeanette Kokott, Leiterin der Ozeanienabteilung, ein Gespräch über Materialkunde und Restaurierungsgeschichte dieser in vielerlei Hinsicht rätselhaften Giganten.
Großobjekte stellen im Umgang immer besondere Herausforderungen dar. Das Figurenpaar, das von Künstlern der Baining aus vergänglichen Pflanzenmateralien angefertigt wurde, wirft sowohl hinsichtlich der Montage aber auch bezüglich der im Laufe der Zeit erforderlichen Eingriffe in die Originalsubstanz viele Fragen auf, die exemplarisch auch den Wandel musealer Konservierungs- und Restaurierungspraktiken beleuchten.

Mi 26. April | 16 Uhr
Werkstattführung
Woran arbeiten unsere RestauratorInnen gerade? Was ist die besondere Herausforderung bei jedem dieser Objekte? MitarbeiterInnen der Restaurierung zeigen und erzählen. Auch ein Blick ins Lack-Magazin ist möglich.
Nur mit Anmeldung unter 040/ 42 88 79 0 bis zum 24. April (begrenzte Teilnehmerzahl)

Do 27. April | 18.30 Uhr
Schäden und Schadensbegrenzung
Vortrag, Abteilung Konservierung des Museums für Völkerkunde Hamburg
Kontinuierliche Schädlingskontrollen sind in allen Museen, so auch bei uns, wichtig. Doch wie funktioniert so etwas? Das Team der Abteilung Konservierung des Museums für Völkerkunde Hamburg stellt in einem Vortrag seine Arbeit, Vorgehensweise und seine täglichen Herausforderungen vor. Dabei werden auch die häufigsten Schädlinge und die durch sie verursachten Schadensbilder werden präsentiert, eindrückliche Beispiele der Objektschädigung, hervorgerufen durch unsachgemäße Lagerung und Handhabung gezeigt. In diesem Zusammenhang gehen die Referentinnen auf gut gemeinte Lagerungslösungen vergangener Jahrzehnte mit nicht alterungsbeständigen Materialien ein. Diese wie auch die verbreiteten Etikettierungen mit Klebebändern können die Objekte nachhaltig beeinträchtigen. Im Archiv wie auch im Ausstellungsbereich werden Einwirkung von Licht und Klimaveränderungen relevant. Doch auch bei der Präsentation der Objekte im Ausstellungsbereich sowie bei Verpackung und Transport ist ein objektgerechter Umgang mit geeigneten Materialien unerlässlich. Was in der Ausstellung häufig so einfach und unauffällig wirkt, beruht auf durchdachten konservatorischen Konzepten zur Objektmontage.

Di 16. Mai | 18 Uhr
Wie ist es wohl, ein Ding zu sein?
Vortrag von Prof. Dr. Barbara Plankensteiner, Direktorin Museum für Völkerkunde Hamburg
Vortrag mit Übersetzung in Deutscher Gebärdensprache (DGS)
In der ursprünglichen Arbeitsweise ethnografischer Museen galten Objekte vorrangig als Repräsentanten ihrer Ursprungskultur, d.h. die Aufgabe eines Objektes war, über die Herkunftskultur zu erzählen. Mit dieser eingeschränkten Sicht auf die Sammlungsstücke wurden ästhetische Zugänge, historische Kontexte oder Individualgeschichten in der Regel ausgeblendet. Inzwischen eröffneten Ansätze in der Objektforschung wie etwa das Konzept einer Biographie der Dinge oder ein stärkeres Augenmerk auf die Provenienzforschung vielfältige Perspektiven. Wir betrachten heute die Sammlungsgegenstände im Kontext einer Verflechtungsgeschichte und fragen nach ihrem Bedeutungsgehalt in unserer globalisierten Gesellschaft. Diese Betrachtungsweise schließt nicht nur die heutige Sicht der Herkunftsgesellschaft mit ein, um die Objekte wieder mit manchen der verloren gegangenen Geschichten zu verbinden, sondern auch die Reflektion ihres Stellenwertes für jene Menschen in unserer unmittelbaren Umgebung, zu deren kulturellem Erbe die Sammlungen gehören. Ethnografische Museen versuchen daher die Dinge in ihren Beständen heute aus verschiedenen Blickwinkeln zu beleuchten um ihre eigentliche Bedeutung und Komplexität zu würdigen.

Do 22. Juni | 18 Uhr
Begreifen – Erfahren – Verstehen
Normalerweise ist Anfassen im Museum nicht erlaubt. Doch gerade diese Erfahrung ermöglicht oft ein tieferes und intuitiveres Verständnis für die Dinge. Der Ethnologe Dr. Norbert Beyer berichtet in seinem interaktiven Vortrag über primäre Materialerfahrungen in Handwerk, Kunst und Ritual und ermöglicht den Besuchern überraschende Einblicke.
Ausgehend von seinen Tätigkeiten als Musikinstrumentenbauer, bildender Künstler und Hüter von Museumssammlungen versucht er grundlegende Materialerfahrungen zu vermitteln. Anhand von Geschichten aus dem Museumsalltag wird von Erfolgen und Niederlagen zwischen Gestalten und Bewahren berichtet.
Während des Vortrages werden Materialproben herumgegeben, so dass die Besucher ihre eigenen taktilen Erkundungen vornehmen können. Eventuelle Ungleichzeitigkeiten und Wahrnehmungskonkurrenzen sind dabei durchaus beabsichtigt: Ablenkung fördert die Erkenntnis. Häufig ist es sinnvoll, mehrere Sinne zu nutzen.
Am Ende wissen wir alle, dass es niemals nur einen Weg gibt. Mit ein wenig Glück sind wir in der Lage, alltägliche Gegenstände neu zu sehen und anders zu behandeln.

Dr. Norbert Beyer arbeitet seit 1994 im Museum für Völkerkunde als Musikethnologe und Restaurator.

ABGEBAUT & WEGGERÄUMT

Do 2. / 9. / 16. / 23. März, Do 13. / 20. / 27. April | jeweils um 14 Uhr
Die Termine im Mai (Do 11. / 18. Mai) müssen leider entfallen!
Sprechstunde mit der Abteilung Konservierung
Beim Abbau der Ausstellung “Herz der Maya” entnehmen die MitarbeiterInnen der Abteilung Konservierung nach und nach die Objekte. Bei Interesse werden auch verschiedene Verfahren zur Objektverpackung erläutert. Haben Sie sich vielleicht auch schon einmal gefragt, wie man z. B. Textilien lagern kann?

Do 2. März und Do 4. Mai | jeweils 14 Uhr
Führung und Sprechstunde mit der Abteilung Konservierung
Die Ethnologin Claudia Chávez de Lederbogen hat sechs Jahre lang durch die Ausstellung „Herz der Maya“ geführt. Sie bietet nach deren Ende nochmals die Gelegenheit, einige dieser einzigartigen Objekte kennenzulernen, die von den MitarbeiterInnen der Abteilung Konservierung gerade abgebaut werden.